Nachdem der Leipziger Journalistik-Professor Dr. Marcel Machill wegen eines Urheberrechtskonfliktes mit einem Studenten in den letzten Tagen heftigen Anfeindungen ausgesetzt war, schlägt er jetzt auf der Institutswebsite zurück – und kritisiert unter anderem die Süddeutsche Zeitung scharf.
Auf der Website des “Institus für Journalistik II”, dessen Vorsitzender Machill ist, veröffentlichte der umstrittene Professor (oder einer seiner Mitarbeiter) am Donnerstag (?) eine Stellungnahme zu den Vorwürfen, die von der Süddeutschen Zeitung, der FAZ und in diversen Blogs (unter anderem auch auf mrtnh.de, sowie z.B. hier, hier und hier) und Online-Publikationen (hier) gegen ihn erhoben worden waren.
Neben der formalen Richtigstellung, dass er es nicht selbst war, der den Studenten Roger Vogel abgemahnt hat, sondern der UVK Verlag, der auf einen Hinweis Machills reagierte, kommt vor allem die Süddeutsche Zeitung und insbesondere der Verfasser des SZ-Artikels “Ein Mann, ein Buch”, Christoph Giesen, schlecht weg.
Giesen sei ein ehemaliger Student Machills, der sich telefonisch bei ihm gemeldet habe, ohne zunächst durchblicken zu lassen, dass er beabsichtige, einen in der Sache negativen Artikel über Machill zu schreiben. Erst nach einer Zeit des “Small Talks” sei Giesen mit der Sprache herausgerückt und habe Machill nach der Urheberrechtsverletzung Vogels gefragt, woraufhin der Leipziger Dozent dann nicht, wie anschließend von der Süddeutschen Zeitung zitiert, “Ich habe keine Lust, meine Zeit mit irgendwelchen Studenten zu vertändeln” geantwortet haben will. Stattdessen behauptet Machill, lediglich den Satz „Ich habe keine Lust, Interview-Zeit für Studenten zu vertändeln, die Urheberrechtsverletzungen begehen!“ gesagt zu haben.
Auch der Pro-Rektor der Universität Leipzig, Wolfgang Fach, der laut Giesens SZ-Artikel kein gutes Haar an Machill gelassen hat (“Herr Machill ist einmalig, wir haben laufend Probleme mit ihm.” und “Es vergeht praktisch kein Semester, in dem ich mich nicht mit der Causa Machill beschäftigen muss. Es fehlt mir leider der Löffel, um diesen Brei auszulöffeln.“), will plötzlich nichts mehr von seiner harschen Kollegen-Schelte wissen und bestätigte Machill in einem Telefonat am 1. Dezember, dass er sich gegenüber dem SZ-Journalisten Giesen nicht in dieser Art geäußert habe.
Machill wehrt sich außerdem gegen den in der SZ erhobenen Vorwurf, seine Vorlesungen seien anspruchslos (“Die Prüfung zur mittleren Reife ist anspruchsvoller als ein Examen bei Professor Machill”, spotten bereits Kollegen an anderen Instituten.). Stattdessen behauptet er, dass vor zwei Jahren Vertreter der Fachschaft mit der Bitte an ihn herangetreten seien, das Lesepensum in seiner Grundlagen-Vorlesung zu senken. Außerdem unterstellt Machill Giesen “unterstes journalistisches Niveau”, weil er in der Süddeutschen Zeitung anonyme Quellen “mit einer solchen offensichtlich einseitigen Meinungsäußerung” zitiere.
Doch damit nicht genug: Giesen, der neben der SZ bisher unter anderem auch für Spiegel Online und die Leipziger Volkszeitung schrieb, ist nicht der einzige, der in Machills Stellungnahme sein Fett weg bekommt. Auch Roger Vogel, der Machills Buch “Medienfreiheit nach der Wende” eingescannt hatte, sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, die in dem SZ-Artikel noch überhaupt keine Rolle gespielt haben.
Vogel sei ein Wiederholungstäter, der auch das Buch “Die Macht der Suchmaschinen” von Marcel Machill und Markus Beiler eingescannt und ins Netz gestellt und dieses erst nach der aktuellen Abmahnung wieder aus seinem scribd-Account gelöscht habe. Neben den beiden Machill-Büchern hat Vogel offensichtlich auch weitere urheberrechtlich geschützte Bücher online publiziert (siehe Screenshots 1, 2, 3) – darunter erstaunlicherweise auch Thilo Sarrazins “Deutschland schafft sich ab”.
Schaut man sich den Alltag an den meisten Universitäten Deutschlands an, ist das sicher ein normaler Vorgang. Kaum ein Student kann es sich leisten, all die in den Literaturlisten der Dozenten empfohlenen Bücher selbst zu kaufen – Reader und online gestellte Scans sind darum häufig eine große Hilfe. Oft geschieht das mit der Einwilligung des jeweiligen Dozenten. Auch Machill hat für seine Vorlesung einen Reader zusammengestellt, der laut eigener Aussage 90 Prozent der in seiner Literaturliste empfohlenen Werke enthält – und sieht darin einen Beleg dafür, dass er sich durchaus für die Interessen seiner Studenten einsetzt.
Liest man sich allerdings die in den letzten Tagen entstandenen Diskussionen (z.B. im Kommentarbereich bei netzpolitk.org und bei Facebook) durch, bekommt man den Eindruck, dass Machill zumindest in einigen Teilen der (Leipziger) Studentenschaft mehr als nur kritisch gesehen wird. So berichtet “schmand”, der Betreiber des “schmandblogs” (das sich dringend mal ein Impressum zulegen sollte…) in einem Kommentar folgendes:
“Eine Kommilitonin von mir musste kurz vor Semesterbeginn ihre Mutter in Brasilien beerdigen und schaffte es deshalb nicht pünktlich zu den ersten Vorlesungen in Deutschland zu sein. Sie schrieb Machill und fragte, ob sie später an die Materialien käme und ob das überhaupt ein Problem sei. Seine Antwort: Wenn sie mehr als einmal im Seminar fehlen würde, könne sie die Klausur nicht schreiben. Soviel zum Thema Interesse für Studenten.”
Natürlich sind solche Aussagen mit Vorsicht zu genießen. Trotzdem überrascht, wie heftig sich einige Diskutanten über Machill und seine Arbeitsmethoden aufregen. Trotz aller (zum Teil berechtigter) Kritik an dem Artikel der Süddeutschen Zeitung, scheint also doch etwas an den Vorwürfen gegen Machill dran zu sein.
Für mich bleibt es sowieso weiterhin dabei: Eine einfache E-Mail von Machill an Vogel hätte gereicht, um den Vorgang ohne großes öffentliches Aufsehen zu den Akten legen zu können. Stattdessen gibt es nun in dieser Sache keine Gewinner, sondern nur Verlierer: Machill, dessen Ruf an der Leipziger Uni bis auf weiteres endgültig ruiniert sein dürfte; Vogel, der als (wiederholter) Urheberrechtsverletzer 1000 Euro für die Anwaltskosten aufbringen darf, die die Unterlassungserklärung verursacht hat – und nicht zuletzt den Journalisten Christoph Giesen, dessen Arbeitsmethoden man nach Machills Schilderung als mindestens zweifelhaft einstufen darf (EDIT: Oder doch nicht? Siehe Update in diesem Artikel vom 6.12., 14.45 Uhr) und der damit weder sich, noch der Süddeutschen Zeitung einen Gefallen getan hat.
Daneben trägt auch die Journalistische Fakultät besser: das Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig einen dicken Image-Kratzer davon. Das wiegt umso schwerer, da die Fakultät das Institut im “CHE Hochschulranking” der ZEIT sowieso alles andere als gut wegkommt – und einzig im Bereich “Reputation in Studium und Lehre” punkten kann. Wenn man sich die “Causa Machill” anschaut, fragt man sich – warum.
Update (06.12.2010, 13.30 Uhr):
Auf der Website des Leipziger “Lehrstuhl für Journalistik II” wurde ein pdf veröffentlicht, das von einer “Medienkampagne gegen Professor Machill” spricht und diese anhand von Screenshots zu belegen versucht. Außerdem äußert sich Machill selbst dort unter der Überschrift “Von Büchern, Klausuren und der Einheit von Forschung & Lehre” zu seinem Verständnis der Sachlage. Zudem berichtet die Leipziger Internet Zeitung zum Thema – und auch SZ-Autor Christoph Giesen wehrt sich auf der Website der Süddeutschen Zeitung und im Blatt gegen den Vorwurf, das inzwischen spruchreife Machill-Zitat (“Ich habe keine Lust, meine Zeit mit irgendwelchen Studenten zu vertändeln.”) wäre so nie gefallen. Ich bleibe trotzdem dabei: Die ganze Sache artet immer mehr zur Schlammschlacht aus und wird am Ende nur Verlierer – auf allen Seiten – produzieren.
Update 2 (06.12.2010, 14.45 Uhr):
Ein Aspekt an der ganzen Gesichte erscheint mir doch noch bemerkenswert: Der Prorektor für Lehre und Studium der Universität Leipzig, Wolfgang Fach, den Christoph Giesen im Ursprungsartikel der SZ zitiert (“Herr Machill ist einmalig, wir haben laufend Probleme mit ihm.” und “Es vergeht praktisch kein Semester, in dem ich mich nicht mit der Causa Machill beschäftigen muss. Es fehlt mir leider der Löffel, um diesen Brei auszulöffeln.”), bestritt laut Machills Stellungnahme, dass er das gegenüber Giesen SO gesagt hatte. Liest man aber zwischen den Zeilen, könnte man durchaus zu der Annahme kommen, dass auch Fach Machills Lehr-Methoden nicht unbedingt positiv gegenüber steht. Fach streitet ja nicht den Inhalt der verwendeten Zitate ab – was schon allein aus Kollegialität und Loyalität dem Institut gegenüber eigentlich zu erwarten wäre.
In einer (soweit ich das sehe noch nicht offiziellen!) Stellungnahme der Universität zur “Causa Machill”, die im Internet kursiert, wird Fach zudem wie folgt zitiert:
„Zu dementieren gibt es wenig, zu differenzieren eine ganze Menge, schon deswegen, weil es in dem Telefonat um viel mehr und auch ganz Anderes gegangen ist als um das juristische Problem. Zum Rechtsaspekt selbst habe ich zwar auch etwas gesagt, doch das kommt im Artikel nicht vor. Von dessen Existenz habe ich im Übrigen erst aus den Reaktionen auf ihn erfahren. Ich bin davon ausgegangen, dass es sich um ein Hintergrundgespräch handelt. Sonst hätte ich, wie es so üblich ist, ein Blatt oder auch mehrere vor den Mund genommen.“
Man kann also getrost davon ausgehen, dass Fach sich gegenüber Giesen durchaus kritisch geäußert hat, seine Aussagen aber wohl eher nicht zur Veröffentlichung autorisiert hätte. Das zeigt, dass der SZ-Artikel wohl doch nicht ganz so weit hergeholt ist, wie Marcel Machill das in seiner Stellungnahme glauben machen will. Meiner Meinung nach dürfte Machills Kritik an den Arbeitsmethoden des Journalisten Christoph Giesen also wohl auch in anderen Aspekten tendenziell eher nicht der Wahrheit entsprechen.
Update 3 (06.12.2010, 16.00 Uhr):
Weil ich das Tool schon immer mal ausprobieren wollte und sich die “Causa Machill” hervorragend dafür eignet, habe ich bei Storify schnell mal eine Chronologie der Ereignisse zusammengehämmert und sie ganz am Ende des Artikels eingebettet. Nachahmung und Ergänzungen sind ausdrücklich erwünscht!
Weiterführende Links:
Erster Artikel zum Thema in diesem Blog
(Unfassbar schlechte) Glosse bei “Uncover”, dem Online-Magazin der Leipziger Journalistik
Zusammenfassung zum Thema im Schmand-Blog
Bildquelle:
bkrpr bei flickr.com / Creative Commons / Attribution-ShareAlike 2.0 Generic

Tja. Der Herr Machill ist offenbar lernresistent. Statt zuzugeben dass eine Mail an den Student statt an den Verlag der bessere Weg gewesen wäre, kommt nichts anderes als ein eingeschnapptes “Das hab ich so nicht gesagt”, auch wenn er es scheinbar so gemeint hat. Ein Armutszeugnis.
[...] füllen. Das Impressum fiel da gleich komplett unter den Tisch. Nach einem freundlichen Hinweis von mrthn.de habe ich mich der Sache nun einmal [...]
Kleine Korrektur: Es gibt keine journalistische Fakultät an der Universität Leipzig. Noch nicht mal ein Institut um genauzu sein. Prof. Machill ist lediglich Inhaber eines von zwei Lehrstühlen der Journalistik am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft befindlich an der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie
Danke für die Info! Werde es im Text gleich anpassen. :)
Ich hatte von der Sache noch nicht gehört. Schön, dass sie hier aufgegriffen wurde, wenn ich mir den Beitrag auch kompakter gewünscht hätte. Letztlich ist die Sache klar: Ein Professor verklagt einen seiner Studenten, weil der ein Buch von ihm scannt und veröffentlicht. Alleine die Klage an sich sagt alles. Dass sich der in der Presse Beschuldigte dann wehrt und sagt, das sei alles so nicht gewesen, ist üblich. Der SZ-Autor hat hier über ein wichtiges Thema gut berichtet. Ich sehe nicht, dass man ihm etwas vorwerfen kann. Einzig der Prorektor sagt, er ging davon aus, es habe sich um ein Hintergrundgespräch gehandelt, aus dem nicht zitiert werden sollte. Das heißt: Der Journalist hatte nicht zugesichert, dass der Prorektor anonymisiert wird und er selbst hat nicht darum gebeten.